Annes Weihnachtswunsch

Die kleine Anne ist sehr krank.
Einen Wunsch hat sie noch. Mit der Heldin ihrer Lieblingsbücher, einer mutigen Königin, auf derem starken Hengst Zsadouch durch das sagenhafte Land reiten.
Dafür jedoch muss der Weihnachtsmannschlitten einen gefährlichen Ritt durch die Zeit machen.
Ob es dem Weihnachtsmann, dem Spezialagent, dem Dachs und der Königin gelingt Anne ihren Wunsch zu erfüllen?

 

LESEPROBE
Kapitel 3. Anne.

Es war der 24. Dezember, 0:15 Uhr.
Anne lag noch wach auf ihrem Bett und las.
Seit dem sie diese Krankheit hatte, lag sie häufig nachts wach. Sie genoss die Nächte, in denen sie sich gut fühlte.
Wieder gut fühlte. In denen Alles nicht allzu weh tat.
Wenn diese Tage in der Klinik weit genug in der Vergangenheit lagen. Wenn diese glühende Flüssigkeit ihren Körper wieder verlassen hatte, nachdem sie tobend und im wilden Rausch durch ihre Adern und ihrem Bauch wütete, das letzte Haar von ihrem Kopf

geraubt hatte, wenn der letzte lodernde Tropfen ihren Körper verlassen hatte.
Wenn Anne sich nicht mehr so schläfrig und matt fühlte.
Dann lag sie gerne wach und las.
„Schlafen kann ich später noch genug“ sagte sie sich dann immer.
Und so las sie. Spürte wie die Buchstaben erwachten, die Seite verließen, sich erhoben, auf sie zu schwebten und in sie tropften.
In ihre Phantasie tropften.
Die guten Tropfen, die nicht brannten, die eine Geschichte woben, ein Tor öffneten durch das Anne nur zu gerne ging.
Schwebte.
Sie verließ ihr Zimmer, reiste durch unendliche Weiten ihrer Phantasie und fand sich im Andersland wieder. Es erhob sich in ihrer Fantasie wie sich ein schlafender Riese in einem flachen Land erhob.
Andersland.
Dort war es schön und die Heldin, eine Königin mit langen, schwarzen Haaren, einer dunklen, wohlklingenden Stimme und einer eleganten langen Robe, lebte dort mit ihrem schwarzen, treuen Hengst.
Und so vergingen Stunden in denen Anne las, die Geschichten in sich ließ, sie lebte und erlebte.
Andersland.
Sie seufzte. Dachte an den Wunschzettel, den sie an den Weihnachtsmann geschrieben hatte.
Andersland!
Wie gern wäre sie wirklich einmal dort. Würde mit der Königin über reizvolle Wiesen reiten, in der Brandung eines endlosen Strandes durch die Gischt preschen, Abenteuer erleben.
Im Andersland.
Noch einmal seufzte sie.

Und horchte auf! Draußen, in der Stille einer jungen Weihnachtsnacht, im warmen Licht der Straßenlaterne, im lautlosen Tanz dicker Schneeflocken, war ein Geräusch zu hören.
Ein Geräusch, das da nicht hin gehörte.
Sorgfältig legte Anne ihr selbstgebasteltes Lesezeichen in das Buch, legte das Buch bei Seite und stand vom Bett auf.
Tapste mit nackten Füßen zum Fenster und schaute neugierig durch die verschneite Scheibe.
Und erschrak!
Etwas Wunderbares trug sich unten vor der Laterne zu!
Ein prächtiger, mit Samt und Stoff ausstaffierter Schlitten, gezogen von sechs großen Rentieren stand dort.
Nein. Sie verbesserte sich. Er stand nicht, er bewegte sich. Wollte offenbar rückwärts zwischen Herrn Prötters silbernen Auto und der Straßenlaterne einparken.
Mit dem Klang eines angeschlagenen Metallrohrs und unter dem Fluchen des Schlittenlenkers stieß der große Schlitten gegen die Straßenlaterne.
Anne gluckste vor Freude. Das seltsame Gespann und die Szenerie hatte sie sofort in Bann genommen.
Die touchierte Laterne schwankte, die krönende Schneehaube fiel nieder und prasselte dem Schlittenlenker auf den Kopf.
Dem schimpfenden Schlittenlenker.
„Au weia“, flüsterte Anne und legte erschrocken die flache Hand auf den Mund. Dabei sagten die Erwachsenen doch immer, man solle nicht fluchen!
Jetzt sprang der Schlitten unter erneut aufbrandenden Fluchen ein Stück nach vorn, gefährlich knapp an Herrn Prötters Auto vorbei.
„Au weia!”. Wo Herr Prötter doch schon immer schimpfte, wenn Anne beim Spielen zu nah an sein Auto kam. Bestimmt würde er gleich schimpfend auf die Straße gerannt kommen… im Schlafanzug.
Anne musste grinsen, als sie es sich vorstellte.
Doch die Fenster bei Herrn Prötter blieben dunkel. Offenbar hatte er einen tiefen Schlaf, wie Anne beruhigt feststellte.
Nicht, dass er den Weihnachtsmann verscheuchte!
Sie öffnete das Fenster und beugte sich in die Winternacht. Schneeflocken, große dicke Schneeflocken, diese Art von Schneeflocken die sie immer gern mit geöffnetem Mund und in den Nacken gelegten Kopf fing, streichelten ihren Kopf, ihr Gesicht.
„Weih-nachts-mann” rief sie leise.
Der Schlittenlenker stutzte und schaute sich um, murmelte etwas, dass Anne oben am Fenster nicht verstand.
Noch einmal rief sie ihn.
Erneut schaute er suchend.
„Hier O-ho-ben” ergänzte Anne leise und winkte ihm.
Der Weihnachtsmann sollte sie hören, aber doch nicht ihre Eltern oder Herr Prötter!
Endlich entdeckte er sie am Fenster. Er grüßte sie mit erhobenen Arm, der in seiner dicken roten Robe steckte, zurück.
„Anna! Komm runter! Ich bin gekommen um Dir Deinen Weihnachtswunsch zu erfüllen!“.
„Ich heiße Anne! Warte, ich komme!“
Anne sprang zurück in ihr Zimmer. Machte drei Sätze zu ihrem dicken Kuschelbär und umarmte ihn glücklich.
„Der Weihnachtsmann, Bär!“ Der Bär schaute sie stumm aus seinen Knopfaugen an und freute sich mit ihr.
Eiligst öffnete sie ihren Schrank, überlegte kurz und griff dann entschlossen zu ihrer Reithose und einem schicken Pullover, zog sich fliegend an und verließ das Zimmer.

Leise fiel die Tür in das Schloß und Anne lief auf den Spezialagenten im Weihnachtsmannkostüm zu.
Lief freudig, voller Vorfreude auf den Weihnachtsmann zu.
„Das”, japste sie „ist mein schönstes Weihnachten”.
„Schon jetzt Anne? Es beginnt doch erst. Komm…”. Zwei starke Armen griffen sie und hoben sie auf die weichen Rücksitze der Kutsche. Vergnügt strampelte Anne mit ihren Füßen als sie durch die Luft schwebte.
„Deck Dich gut zu.“
Während der Spezialagent den Korb mit den Warpäpfeln griff und zu den Rens ging, schnappte sich Anne die dicke, warme Samtdecke und kuschelte sich ein.
Etwas warmes, feuchtes berührte unter der Decke ihren Handrücken und schleckte ihn ab.
„Och! Hey Du!” Anne steckte den Kopf unter die Decke und sah in die Augen eines frechen, jungen Dachs.
„Na Du bist mir ja einer! Kommst Du auch mit?”
Der Dachs leckte ihr als Antwort die Hand und schaute sie mit glänzenden Welpenaugen an.
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Hatten sich die Rens nach der Einnahme der Warpäpfel verändert? Der Spezialagent wusste es nicht. Das Fell sah wie immer aus, die Nasen sahen wie immer aus, die Rens sahen wie immer aus. Sei Problem war, das er generell recht wenig über Rens und über deren Methabolismus wusste. Und weshalb überhaupt bewegten die Rens in der Luft ihre Beine, so als würden sie auf fester Erde laufen? Galten für die Aufhebung der Schwerkraft nicht völlig andere Gesetze wie die, die für Muskeln, welche sich von festem Boden abstoßen, zuständig waren?
Der Spezialagent wusste es nicht, und das machte ihn gerade ein wenig ratlos.
Und so zog der Schlitten mit einem zweifelnden Kutscher und einer vor Freude quitschenden Passagierin eine lange Schleife über der schlafenden Stadt.
Eine Stadt im friedlichen Schneegestöber mit Zuckergußüberzug. Mit in der Luft strampelnden Rens.
Und während sich der Spezialagent auf die Suche nach einem Handschuhfach inklusive enthaltener Betriebsanleitung oder der Handynummer des Weihnachtsmanns machte, veränderten die Rens in einem weiten Bogen ihre Bahn.
Dem Agenten war es recht, hatte er doch in den letzten 15 Minuten gelernt das sie weder auf Zurufe, noch auf jedwedes ziehen an den Zügeln reagierten.
Im sanften Winkel zogen sie den Schlitten nach oben. Sie hielten auf einen in regenbogenfarben schillernden Fleck am Himmel zu.
Irisirend, hell, geheimnisvoll und immer größer wurde der Fleck. Wuchs auf sie zu, bis er den gesamten Blickbereich ausfüllt. Ein ziehen erfasste den Spezialagent und Anne. Ein ziehen wie man es spürt wenn man an einer hohen Felskante steht und in die Tiefe blickt.
Ein ziehen wie in einer Achterbahn, die am höchsten Punkt nach unten kippt.
Die Rens hingegen, stoisch und gelassen, liefen weiter auf das flimmernde, wabernde Licht zu.
„Halt Dich gut fest, Anna!“
„Ich heiße Anne!”.
Und dann trat der Schlitten in einen schlauchförmigen Tunnel, der sich in der Mitte der Verwirbelung gebildet hatte, ein.

Fortsetzung folgt

 

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